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Zum Nachdenken

Liebe Leserinnen, liebe Leser, liebe Gemeindeglieder,

Du bist ein Gott, der mich sieht“ (Gen 16,13) – Jahreslosung 2023
Du bist ein Gott, der mich sieht.
Du siehst mich, wenn ich aus der Schule komme. Ranzen in die Ecke, kurze Umarmung von Mama, ab ins Zimmer. Schuldbewusst an den Schreibtisch, die fünf in Mathe brennt sich in meine Gedanken. Wieder eine fünf, wieder enttäuscht. Mama hat mich lieb, das weiß ich, aber doch wird sie auch traurig sein. Enttäuscht. Dass es wieder nicht gereicht hat. Du bist ein Gott, der mich sieht. Du siehst mich, wenn der Stress mich einholt. Die Arbeit, der Haushalt. Ich streite mich nur noch mit meinem Partner. Warum? Das weiß ich gar nicht so genau. Manchmal habe ich dabei auch bestimmt unrecht. Aber es ist alles so viel. 40h Woche. Putzen, kochen, einkaufen. Und dann immer aufs Geld schauen. Die Preise. Ich kann nicht mehr. Du bist ein Gott, der mich sieht. Du siehst mich, wenn ich vor Freude die Welt umarmen könnte. Es läuft einfach! Ich bin Opa geworden, zum ersten Mal. Nicht die große Verantwortung für ein kleines Leben, aber doch die große Freude darüber. Und wenn ich dann bald in Rente gehe, dann kann ich mit dem Kleinen die Welt entdecken, kann verwöhnen und muss nicht erziehen. Das Leben ist so schön!
Du bist ein Gott, der mich sieht. Du siehst mich, wenn ich voller Trauer auf dem Friedhof stehe. Erde zu Erde. 60 Jahre war da jemand an meiner Seite und jetzt bin ich allein. Asche zu Asche. Wie soll ich jetzt weiter machen, weiter leben ohne dich? In dem großen Haus mit all den Erinnerungen? Staub zu Staub. Ich werde dich so vermissen. Du bist ein Gott, der mich sieht. Du siehst mich in Sorge und Überforderung, in Freude und Trauer. Du siehst mich, wenn alles gut geht und es holprig wird. Du siehst meine Not und du siehst mein Gelingen. Du siehst mich so wie ich bin. Ganz einfach und doch nicht selbstverständlich. Und obwohl (oder sogar weil) du mich so siehst wie ich bin, darf ich mit all dem zu dir kommen. Und wenn ich dann vor dir stehe, gehen deine Augen nicht woanders hin. Stattdessen siehst du mich fest an. Nimmst mich so wie ich bin und stößt mich niemals weg. Du bist ein Gott, der mich sieht.

Dorothea Schwarz
Vikarin

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